Marcel Baumgartner

Leopold Schropp – Bhoupticheib und Messerwerfer

"lieber marcel, es macht spass, in wochenabständen deine ausstellung zu besuchen [...]. wenn ich den raum mit hodler / luginbühl / zbinden / amiet / iseli bevorzuge, [dann deshalb,] weil du es zustandegebracht hast, den raum bern [...] sichtbar und spürbar zu machen; es hockt sich gut in diesem saal. – ich mag aber auch alle andern: schropp [...] ist ganz einfach gut und an der richtigen stelle, bei andern bhoupticheibe, ob es nun wölfli, eggenschwiler oder weder ist!"

So hatte Toni Gerber – in den späten sechziger und in den siebziger Jahren der mit Abstand wichtigste Berner Galerist, der zwischen 1978 und 1986 auch vier Einzelausstellungen mit Leopold Schropp veranstaltet hatte – auf die Ausstellung Spannungsfelder in der bernischen Kunst des 20. Jahrhunderts reagiert, die ich im Sommer 1984 für das Kunstmuseum Bern konzipiert und eingerichtet hatte. Leopold Schropp (von dem in der Ausstellung zwei 1974 entstandene Bilder mit jener "einfachen geometrischen Bildteilung" zu sehen waren, die er im Jahr zuvor als eine "Darstellung von Welt" erkannt und begriffen hatte) ist also "ganz einfach gut". Was aber sind "Bhoupticheibe" – was ist ein "Bhoupticheib"?

"Bhoupte" ist berndeutsch "behaupten"; und ein "Cheib" bzw. "Keib" ist, laut Duden, in schwäbischer und schweizerischer Mundart ein "Aas; Lump; Kerl (grobes Schimpfwort)". So wörtlich ist das allerdings nicht zu nehmen; im "Cheib" schwingt, je nach Kontext, durchaus viel Hochachtung mit. Ein "Bhoupticheib" ist einer, der Behauptungen in die Welt setzt und sich durch nichts von ihnen abbringen lässt. – Wie aber verträgt sich diese Charakterisierung mit dem doch ganz anderen Bild vom Menschen und Künstler Leopold Schropp, das Susanne Olms in ihrem Beitrag Leopold Schropp – Messerwerfer für die Publikation Leopold Schropp – Bilder , erschienen zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Giessen 2000, gezeichnet hat?

Vielleicht war Leopold Schropp, bevor er um 1990 zum ebenso leichtfüssig-eleganten wie treffsicheren "Messerwerfer" wurde, tatsächlich ein "Bhoupticheib" – und wahrscheinlich musste er es sogar sein, um den Weg, den er 1973 eingeschlagen hatte, überhaupt gehen zu können. Schropps Werk der siebziger und achtziger Jahre war (und ist) kein einfaches Werk. Es war sperrig. Befremdend – auch und gerade für viele professionelle Kunstbetrachter – waren vor allem die "unmöglichen" Materialkombinationen in seinen Bildern und mehr und mehr noch in seinen Skulpturen. Und ebenso "unmöglich" wie diese Materialkombinationen in einzelnen Werken war das Werk als Ganzes, in dem eine merkwürdige Heterogenität die einzige Konstante zu bilden schien.

Gegen das daraus resultierende Misstrauen setzte Leopold Schropp mit einer viele Leute irritierenden Beharrlichkeit und Eigensinnigkeit die – für ihn als bildenden Künstler natürlich wiederum nur in Bildern formulier- und beweisbare – Behauptung von der Einheit seines Werks. So wurde er zum "Bhoupticheib". Die behauptete (und im Rückblick tatsächlich immer deutlicher erkennbar werdende) Einheit des Werks aber sah er begründet und fundiert in der von ihm seit 1973 betriebenen systematischen Erforschung jener bildnerischen Gesetze, die er deswegen lieber als bildnerische Archetypen bezeichnet, weil für ihn mit bestimmten formalen Grundgegebenheiten bestimmte Inhalte und (bildnerische) "Aussagen" notwendigerweise zusammengehen.

Das hatte – zugegebenermassen – oft etwas Demonstrativ-Bemühtes (und dadurch auch Bemühendes). Seitdem – seit dem Beginn der neunziger Jahre – ist jedoch alles anders, leichter geworden. Vollends in den während der letzten Jahre entstandenen Werken Leopold Schropps ist das in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten auf systematische Weise erworbene bildnerische Wissen auf selbstverständliche Weise aufgehoben. Gerade weil das Werk des "Messerwerfers" die alten Erfahrungen mit einschliesst, besteht aber – vielleicht – von heute aus mehr denn je die Chance, auch jenes des "Bhoupticheibs" Leopold Schropp, das im Kunstbetrieb der siebziger und achtziger Jahre immer seltsam quer gestanden hatte, neu zu sehen – die "Klänge" und den "Glanz", die in den neuen Bildern oft fast betörend daherkommen, auch in den älteren, schwierigen zu entdecken.

Marcel Baumgartner
Prof. Kunstgeschichte, Universität Giessen, DE
Oktober 2000

Bernhard Fibicher

Zu den Bildern von Leopold Schropp

Leopold Schropp ist ein Maler, der seit dreissig Jahren über alle Modeströmungen hinweg am Glauben an die „Macht des Bildes" festhält. Nach den systematischen Untersuchungen „bildnerischer Archetypen", die er in den 70er und 80er Jahren betrieben hat, malt Schropp seit den 90er Jahren Bilder, die sich mit den Reaktionen von Farbe und Licht auf präzis ausgewählten Bildträgern beschäftigen. Der absolut strukturlose Glanzkarton absorbiert keine Farbe, sondern stellt haarscharf das kleinste Detail (das Pigment, die Pinselführung) bloss. Der kompakte Goldgrund dagegen wird als Farbe wahrgenommen und konkurrenziert die locker aufgetragene Farbe auf der Bildfläche und in der Bildtiefe.

Die Gemälde aus den letzten 2-3 Jahren zeichnen sich durch eine freie, lockere, verhalten expressive, meditative Pinselführung aus. Durch die spontan auf den Glanzkarton oder den Goldgrund gesetzten Pinselstriche hält der Künstler auf einzigartige Weise in der Natur erlebte Farbeindrücke - Himmel, Wolken, Wasser, Landschaften - fest. Der Betrachter wird in eine Bildfläche hineingesogen, die durch keine Rahmung begrenzt wird und auf der sich die Farbe rhythmisch „ereignet'“. Schropp selbst schrieb vor zehn Jahren: „Die kleineren strukturellen rhythmischen Ereignisse im Farbauftrag lassen Anklänge aus der lebendigen Welt herüberbringen, vermögen die geometrische Bildnatur mit der auslösenden Impression zu verknüpfen. Die Farben schliesslich haben ein Gleichgewicht zu bilden, ein schwebendes, wenn möglich.“ Dieses schwebende Gleichgewicht der Farben - und das Gleichgewicht der Farben mit dem Grund - erreicht Schropp durch das programmatische „machen des NICHTMACHENS“ in den neusten Werken. Das daoistische Nicht-tun ist ein schöpferischer Akt, der sich manifestieren kann oder nicht.
Es geht im Malprozess zunächst einmal darum, alles zu vergessen - Motiv, Maltechnik, präzise Emotionen – um in der gewonnenen Leere zu einer reinen Empfindung zu gelangen, aus der das Bild nicht geschaffen, sondern gefunden werden muss. Auch wenn die neuen Gemälde von Leopold Schropp hin und wieder an Landschaften erinnern, verweisen sie ebenso sehr auf die innere grenzenlos-unbeschränkte Welt.
Die intuitiven malerischen Gesten Schropps bringen die sich ständig bewegende Erscheinungswelt mit der schwer fassbaren Welt des Geistes in Einklang - bis zum beinahe völligen Verschwinden von „Kunst“. Aus dem Zustand des Nichtseins entstehen raffinierte Andeutungen von Sein.

Dr. Bernhard Fibicher
Kurator Kunstmuseum Bern, CH
März 2005

Magdalena Schindler

Geschehen lassen

Das "Fenster zur Gegenwart", das sich im Kunstmuseum Bern regelmässig öffnet, gibt diesmal den Blick frei auf das aktuelle Schaffen von Leopold Schropp. Für die Präsentation seiner rund 25 Werke wählte sich der 1939 in München geborene, seit 1969 in der Region Bern lebende Maler zwei Räume im Untergeschoss des Hauses an der Hodlerstrasse aus. Dort, auf grau gestrichenen Wänden, entfalten seine ebenso expressiv wie meditativ anmutenden Bilder ihre volle Farbkraft. Gehängt sind die Werke sehr sparsam, passend zu Schropps Philosophie des "Nichtmachens", die der jetzigen Ausstellung den Titel gab. Zu verstehen ist diese Haltung als Hommage an einen scheinbar paradoxen Satz von Laotse: "Wer den Weg übt, vermindert täglich. Er vermindert und vermindert, bis er schliesslich ankommt beim Nichtmachen. Beim Nichtmachen bleibt nichts nicht gemacht." Jedes Forcieren, jede Hektik ist dem Künstler fremd, vielmehr ist für ihn entscheidend erst dann, wenn der Atem ruhig fliesst, die Füsse fest am Boden stehen, den Pinsel in Farbe zu tauchen und anzusetzen. Dann zieht die Farbe in breiten horizontalen Bahnen über den Bildgrund, der im Falle des weissen Glanzkartons jede Pigmentspur, jeden Farbtropf blosslegt.
Ob Grün, Schwarz, Ocker, Gelb oder Blau: mit jeder Farbe wird ein kraftvoller Akzent gesetzt, der sich durch das Beifügen weiterrer Elemente zum vielstimmigen Akkord ausweitet. Oft basieren diese auf Farbeindrücken aus der Natur, die sich allerdings oft nur noch in Bildtiteln – etwa "Bleiwurz" – erahnen lassen. Auch erinnern manche Bilder in ihrer horizontalen Schichtung an Landschaften. So das Gemälde "Madonna di San Marco" auf Goldgrund, dessen Titel auf eine weitere Bilddimension verweist. Zu den grossen Würfen der jetzt im Kunstmuseum versammelten, in den letzten zwei bis drei Jahren entstandenen Werken Schropps gehört auch das Glanzkarton-Gemälde "Rosen zu Neujahr" (s. Bild 1128). Mit Verve und grosser Geste hat er hier einen schwarzen, runden "Chribel" hingelegt, der kalligrafisch und damit zeichenhaft wirkt, gleichzeitig aber durch das frech nach unten fliessenden Grün ein Manifest reiner Malerei ist.

Magdalena Schindler
Zeitung "Der Bund", CH
19. 3. 2005